Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen

ODER WARUM DIE GROSSEN MONOTHEISTISCHEN RELIGIONEN NICHT AUF EXPERIMENTE STEHEN

Eine Gesellschaft braucht Regeln und einen gewissen Grundkonsens um zu funktionieren. Es gibt mehrere Möglichkeiten um dies zu erreichen. Eine Option wäre einen tadellosen Menschen zu finden und diesen als Vorbild für eine Gruppe aufzubauen. Doch egal wie redlich jemand lebt, es wird sich immer jemand finden lassen der auf diese Person nicht gut zu sprechen ist. Ein schiefer Blick oder eine  Unachtsamkeit kann schon genügen um andere zu beleidigen. Ein kritischer Kommentar der als ungerecht empfunden wird und schon ist es mit der moralischen Autorität vorbei!

Aus diesem Grund brauchen wir eine Wesenheit, die mit unseren Sinnen nicht zu erfassen ist und entfernen sie daher sicherheitshalber aus der unmittelbar erlebbaren Welt. Auf dieses göttliche Wesen kann man nun alle Eigenschaften projizieren, die man für die Gesellschaft als positiv und erstrebenswert erachtet. Gleichzeit ist dieses Wesen über jede Kritik erhaben, da es nicht direkt angesprochen bzw. kritisiert werden kann und sich nicht rechtfertigen muß. Diese Strategie wird übrigens neuerdings immer häufiger von Spitzenpolitikern angewandt. Jetzt, wo wir ein relativ unangreifbares Vorbild für unsere Gesellschaft, mit klaren Regeln, Geboten und Verboten haben, stellt sich nun das Problem, daß Menschen ohne positive oder negative Anreize nicht bei der Sache bleiben. Jetzt könnte ein Vermittler zwischen Gott und dem Volk drohen, daß der Allmächtige Sünder mit einem Blitz niederstrecken wird! Aber auch wenn die mathematischen Kenntnisse der meisten Menschen eher beschränkt sind, so viel verstehen sie dann doch von Statistik, daß die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden relativ gering ist! Das heißt, die Bestrafung der Sünder muß auf jeden Fall ins Jenseits verlagert werden um sich einer Überprüfung zu entziehen! Ähnliches gilt für die Belohnung. Auch der bravste Gläubige ist von Krankheit, Boshaftigkeit, Kriminalität und Schicksalsschlägen nicht gefeit. Erhält er keine Belohnung, besteht die Gefahr, daß er vom rechten Glauben abfällt. Deshalb ist es auch hier wichtig die Belohnung unbedingt ins Jenseits zu verlegen!

Eigentlich könnten wir nun zufrieden sein. Aber Menschen sind von Natur aus neugierig und stecken ihre Nasen in Sachen, die sie nichts angehen. Dieses Problem haben die Autoren der Bibel schon vor einiger Zeit für uns gelöst.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“  Mt 4,7

Diesen Satz brauchen wir aus zwei Gründen. Einerseits um zu verhindern, daß sich der Fromme in dem Glauben vom Berg stürzt oder Risiken eingeht, daß Gott in retten wird. Wir wollen ja auch, daß die Gläubigen in unserer Gesellschaft eine Aufgabe übernehmen und sich nicht selber schaden oder gar in der göttlichen, sozialen Hängematte ausruhen! 

Der zweite Grund ist, wenn wir etwas auf die Probe stellen, führen wir ein Experiment durch! In der Physik bieten wir als Beispiel einem System Energie an und beobachten, wie es darauf reagiert. Durch Experimente können wir dann Schritt für Schritt ergründen wie unser Studienobjekt „tickt“. Natürlich ist das für unsere Zwecke, eine kontrollierbare Gesellschaft zu formen, nicht wirklich hilfreich. 

Deshalb muß die Haltung der Gläubigen sein „Hände falten, Gosch’n halten!“ Sonst funktioniert das System nicht auf Dauer. Das hat aber auch den Nachteil, daß wir Bodenpersonal brauchen. Es ist eine alte Weisheit, daß alles was man nicht selber erledigt, nicht richtig gemacht wird. Mehr oder weniger ekelhafte Beispiele von Verfehlungen Geistlicher finden sich in allen Weltreligionen oder Sekten. Aber unabhängig vom Personal müssen wir eine Geist- und Wissenschaftsfeindlichkeit etablieren.  Man soll Gott nicht ins Handwerk pfuschen! Gelegentlich kann ich das Phänomen beobachten, daß sich ungebildete Gläubige anderen oft überlegen fühlen und nur aus dem Grund, weil sie gehorsam Regeln befolgen. Wo aber liegt da die Leistung? Ich bin davon eigentlich eher irritiert. Es ist meine persönliche Überzeugung, daß unser Verstand dazu da ist Probleme zu lösen und die Welt zu ergründen. Ein bloßes Vertrauen auf irgendeine Wesenheit ist mir zu wenig und zu unsicher. Meiner Meinung nach ist es daher unsere Pflicht in Gottes heilige Wirklichkeiten einzugreifen und zu versuchen die Welt zu begreifen. Wozu ist unser Verstand sonst da?

Christian Maszl-Kantner

Physiker, interessiert an Wissenschaft, Musik und Politik
Updates meistens Montags!

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