Der Mensch leidet an Bestätigungstendenz

UND WARUM WIR DAHER WISSENSCHAFT BRAUCHEN

Wer sich Kommentare unter populärwissenschaftlichen Artikeln wie im derStandard.at durchliest wird gelegentlich mit der Aussage „Wozu hat man da eine Studie gebraucht? Das hätte ich ihnen gleich sagen können!“ konfrontiert. Diese Aussage zeugt nicht nur von mangelndem Verständnis was Wissenschaft eigentlich ist und bedeutet, sondern auch von mangelndem Wissen über die Arbeitsweise des menschlichen Verstandes.

Der Mensch „leidet“ an Bestätigungstendenz. Man kennt das vielleicht aus seinem eigenen Alltag. Ein klassisches Beispiel ist die Beobachtung, daß Hundebesitzer oft wie ihre Hunde aussehen oder Hunde wie ihre Halter. Nur, diese Beobachtung entbehrt jeder Grundlage! Jede Beobachtung die wir machen und die diesem Schema folgt, stärkt unseren Glauben in diesen Umstand. Trifft das aber nicht zu, gehen Mensch und Hund unbemerkt an uns vorüber. Ähnliches gilt für den täglichen Alltagsrassismus. Da uns das Fremde und Ungewohnte sofort ins Auge springt, wird z.B. der Ausländeranteil in öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien oft überschätzt. Ein subjektive Kategorisierung in In- und Ausländer durch Abzählen kann da oft schon helfen ein etwas realistischeres Bild zu erhalten. 

Ist diese Bestätigungstendenz also grundsätzlich schlecht? Zum Teil! Evolutionär macht es durchaus Sinn Verhaltensweisen, die sich als vorteilhaft herausgestellt haben, auch beizubehalten. Hat man gelernt, daß zur Mittagszeit keine Löwen an der Wasserstelle sind, würde es keine Sinn machen zu testen ob das um 15 Uhr noch genauso ist. Hier wäre das Risiko viel zu hoch als Jause zu enden. Dann geht man doch lieber weiter zur Mittagszeit Wasser holen. Dabei ist es unerheblich, ob nur Mittags keine Raubtiere da sind oder auch am Abend. Wichtig ist nur, daß man an Wasser kommt. Wer sich an die Regel hält, wird bessere Chancen haben zu überleben. Durch jeden erfolgreichen Besuch der Wasserstelle wir nun diese Meinung bestärkt, auch wenn sie vielleicht falsch ist. Verharren in alten Verhaltensweisen und Denkmustern kann aber auch gefährlich sein. Ändern sich die Lebensumstände signifikant, braucht eine Gruppe progressive Kräfte die fähig sind neue Wege zu suchen, Dinge auszuprobieren und die auch bereit sind Risiken einzugehen. 

Aus diesen evolutionären Gründen haben sich meiner Meinung nach auch konservative und progressive Parteien herausgebildet. Die Konservativen haben die Aufgabe altbewährtes zu bewahren und zu verhindern, daß die Progressiven zu viel Risiko auf sich nehmen. Während die progressiven dafür Sorge tragen müssen neuen Wege zu beschreiten damit die Gesellschaft auf veränderte Lebensumstände reagieren kann oder nicht in Sackgassen endet. Deshalb brauchen wir auch alle demokratischen Parteien und einen harten, aber trotzdem wertschätzenden Diskurs. Leider ist dieser Umstand vielen nicht bewusst und die Politik ist in einem elenden Zustand! Statt demokratischen Diskursen findet man oftmals nur Hass und Hetze in den sozialen Medien, zum Teil noch zusätzlich befeuert durch verantwortungslose PolitikerInnen. Weder die Konservativen noch die Progressiven sind alleine dazu fähig mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen!

Nach dieser gedanklichen Exkursion geht es jetzt aber wieder zurück zum eigentlichen Thema. Wie kommt nun die Wissenschaft ins Spiel? Die Wissenschaft ist eine Methode die sich über die Jahrhunderte entwickelt hat und die nützlich ist Erkenntnisse zu gewinnen, in dem sie verhindert, daß die Erwartungshaltung und die Bestätigungstendenz der ForscherInnen zu viel Einfluss gewinnen. Ihr Ziel ist es allgemeingültige Gesetze zu finden mit denen man die Welt beschreiben und vorhersagen für die Zukunft treffen kann. Wie ihr das gelingt, was die Methode Wissenschaft eigentlich ist und ob es die optimale Methode ist, werde ich in meinem nächsten Beitrag etwas genauer ausführen.

Letzte Änderung amSonntag, 11 März 2018 14:26
Christian Maszl-Kantner

Physiker, interessiert an Wissenschaft, Musik und Politik
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