Der Schlüssel zur Wissenschaft Empfehlung

WIR IRREN UNS EMPOR

Fragt man bei Studierenden der Physik im ersten Semester nach was Wissenschaft denn sei, kommen trotz Matura/Abitur eher unbefriedigende Antworten. Der Rest der Bevölkerung,  unabhängig vom Bildungshintergrund, kommt oft zur Diagnose „kompliziert“. Wir leben anscheinend in einer Wissensgesellschaft die nicht weiß wie Wissen generiert wird und, in meiner Wahrnehmung, oft kein Verständnis davon hat wie Wissenschaft zu unserem Wohlstand, Komfort und unserer Sicherheit beiträgt. 

Eine zugängliche Einführung in die Wissenschaftstheorie gibt es vom legendären Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman. Wissenschaft besteht im wesentlich aus drei Schritten: 1. Raten, 2. Berechnen der Konsequenzen und 3. Vergleich mit dem Experiment. 

  1. Den ersten Schritt könnte man auch als Hypothese bezeichnen. Hier stellt man eine Vermutung über die Welt an. Da ich sehr lange im Ruhrgebiet gelebt habe, vermuten wir als Beispiel unsere Sonne bestünde aus Kohle und es gibt in ihrer Nähe Sauerstoff damit sie brennen kann. Heutzutage macht diese Vermutung keinen Sinn mehr, aber vor 120 Jahren wäre das vielleicht eine brauchbare Hypothese gewesen. 
  2. Im zweiten Schritt berechnen wir nun die Konsequenzen. Die Sonnenoberfläche und deren Temperatur und dadurch die abgestrahlte Leistung, sind uns bekannt. Des Weiteren kennen wir auch den Brennwert von Steinkohle. Für die verfügbare Energie nehmen wird der Einfachheit halber an, die Dichte der Kohle sei über das Sonnenvolumen konstant und sie werde vollständig verbrannt. Damit können wir bei einem konstanten Sonnenradius eine maximale Lebensdauer von grob 6000 Jahren abschätzen. 
  3. Abschließend sollte nun ein Vergleich mit dem Experiment erfolgen. Man kann es sich aber auch leichter machen. Ein Gespräch mit Archäologen würde wohl ergeben, daß es bereits weit vor 6000 Jahren Darstellungen der Sonne gegeben hat. Wissenschaftshistoriker würden vielleicht anmerken, daß es keine Berichte zu Veränderungen der Sonne gibt, die auf einen starken Massenverlust durch Verbrennungsprozesse schließen lassen würden. Diese Beobachtungen würden unserer Berechnung klar widersprechen. Damit wären wir wieder am Anfang bei Schritt 1) angelangt. Wir brauchen daher ein anderes Material mit einem höheren Brennwert oder einen anderen Mechanismus. Nach vielen Iterationen würden wir schließlich die Kernfusion als Mechanismus identifizieren der die Sonne antreibt und Leben auf der Erde erst möglich macht.

Wissenschaft ist daher eine Methode. Mit dieser Methode versuchen wir gesichertes Wissen zu generieren. Richard Feynman hat das beschriebene Vorgehen als „Key to Science“, Schlüssel zur Wissenschaft bezeichnet. Wichtig dabei ist, daß man damit nie die „Wahrheit“ finden, sondern nur zeigen kann, was nicht falsch ist! „Wir irren wir uns empor“, wie es Harald Lesch in seinen TerraX Sendungen treffend formuliert! 

Ein schöner Aspekt dabei ist, daß es in der Wissenschaft keine Autoritäten gibt. Egal wie berühmt und klug man ist, egal wie genial die Idee auch sein mag, wenn das Experiment gegenteilige Ergebnisse liefert, ist die Hypothese einfach falsch! Dazu gibt es ein schönes Beispiel aus der Geschichte. 1931wurde eine Streitschrift mit dem Titel „Hundert Autoren gegen Einstein“ publiziert um Albert Einsteins Relativitätstheorie zu kritisieren. Dieser soll dazu nur lapidar angemerkt haben, daß wenn er unrecht haben sollte, eigentlich nur ein Autor reichen würde.

Aus diesem Grund hat auch die Politik und Wissenschaft einen schwierigen Stand. PolitikerInnen sind es gewohnt die Wahrnehmung der Wähler auf die Realität zu verändern um die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu formen. Da kann es schon passieren, daß obwohl die Kriminalität objektiv zurück geht, das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung ebenfalls sinkt und nicht steigt! WissenschaftlerInnen bleibt hingegen nur die „Realität“. Der Natur ist die Meinung von uns Menschen herzlich egal! Und auch wenn sich ForscherInnen gelegentlich vergaloppieren und es Fehlentwicklungen gibt, über kurz oder lang werden diese ausgebügelt. 

Ist Wissenschaft nun die beste Methode? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht! In den letzten Jahrhunderten sind ihr große Erfolge gelungen. Wir manipulieren Materie auf atomaren Skalen um Mikrochips herzustellen, wir heilen Krankheiten die früher Millionen Menschen dahin gerafft hätten und wir haben Lebensmittel in einer Qualität und Verfügbarkeit, die die Lebenserwartung in Österreich noch immer steigen lässt. Mittlerweile ist auch die Menschheit wieder am Sprung ins All um den Mars erstmals zu betreten. Sollte aber unsere Art Wissen zu generieren an ihre Grenzen stoßen bin ich sicher, daß die Menschheit neue und spannende Wege finden wird um mehr über die Welt zu erfahren.

Letzte Änderung amMontag, 12 März 2018 07:25
Christian Maszl-Kantner

Physiker, interessiert an Wissenschaft, Musik und Politik
Updates meistens Montags!

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